Ausbildungsberatung der Handwerkskammern Wenn es zwischen Azubi und Betrieb kracht

Frust, Missverständnisse, falsche Erwartungen – die Berater der Handwerkskammern vermitteln bei Konflikten, begleiten aber auch bei Berufsorientierung und Ausbildungsstart. Kostenlos und neutral. Ein Praxisbeispiel.

Konflikte in der Ausbildung lassen sich lösen: Die Berater der Handwerkskammern bringen beide Seiten an einen Tisch. - © dore art - stock.adobe.com

Als er einen Karton voller Kabelreste sortieren sollte, eskalierte die Situation: Seit Wochen fühlte sich der Auszubildende im zweiten Lehrjahr wie ein besserer Handlanger. Dabei wollte er in dem Elektrotechnik-Betrieb aus der Nähe von Mannheim endlich anspruchsvollere Aufgaben übernehmen und mehr über Schaltpläne oder Fehlerdiagnosen lernen. Als der Ausbilder wieder seinen Standardsatz "erstmal die Grundlagen" sagte, wurde der Auszubildende vor versammelter Mannschaft laut: Mangelndes Vertrauen und fehlende Förderung warf er seinem Ausbilder vor.

Schließlich schaltete sich der Betriebsleiter ein: Er schlug vor, die Handwerkskammer einzubeziehen, um in dem Konflikt zu vermitteln. Wenig später saßen der Auszubildende und sein Ausbilder zusammen mit einem Ausbildungsberater der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald in einem Besprechungsraum. Der Berater hörte aufmerksam zu, stellte gezielte Nachfragen – und half dabei, die Missverständnisse aufzulösen. Er erklärte dem Auszubildenden, welche Rechte und Pflichten ein Azubi hat, betonte aber auch die Verantwortung des Betriebs, die Ausbildung abwechslungsreich und fördernd zu gestalten. Gemeinsam erarbeiteten die Beteiligten einen neuen Ausbildungsplan: Der Azubi sollte künftig an zwei Tagen pro Woche an praktischen Projekten mitarbeiten, unterstützt durch kurze Feedbackgespräche, während an den anderen Tagen weiterhin Routineaufgaben zur Festigung der Grundlagen auf dem Programm stehen würden. Ein Lösungsvorschlag, der den Vorstellungen beider Seiten gerecht wurde.

Angebot steht sowohl Betrieben als auch Azubis offen

Ob Überforderung in der Berufsschule, Unterforderung im Betrieb, mangelnde Motivation oder falsche Vorstellungen vom Berufsbild: Probleme und Konflikte während der Ausbildungszeit sind keine Seltenheit. Die Ursachen für Konflikte zwischen Auszubildenden und Ausbildenden sind vielfältig – umso wichtiger ist es, professionell gegenzusteuern, um miteinander ins Gespräch zu kommen und Lösungen für beide Seiten zu finden. "Die Ausbildungsberaterinnen und -berater an den Handwerkskammern nehmen eine Schlüsselstellung für die Förderung der betrieblichen Ausbildungsqualität ein", erklärt Kirsten Kielbassa-Schnepp, Referatsleiterin Berufliche Bildung beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). "Sie stehen im unmittelbaren Kontakt mit den Betrieben und nehmen nicht nur hoheitliche Aufgaben wahr, sondern bieten auch vielfältige Beratungsleistungen an."

Die Ausbildungs- und Nachwuchssicherungsberater der Handwerkskammern stehen sowohl Ausbildungsbetrieben als auch Azubis zur Seite – und können sich in die Positionen beider Seiten hineinversetzen. Sie wissen, worauf es Schulabgängern ankommt und wie man junge Menschen an seinen Betrieb bindet. Azubis geben sie Tipps für den Start ins Berufsleben.

Beratung in Problemlagen, Hilfe bei der Berufsorientierung

Das Team der Ausbildungs- und Nachwuchssicherungsberatung der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald begleitet dabei auch Ausbildungssituationen, in denen Missverständnisse oder unterschiedliche Erwartungen eine professionelle Vermittlung erfordern. Die Berater bringen damit Azubi und Handwerksbetrieb näher zusammen und entschärfen individuelle Konfliktsituationen. Die Ausbildungsberatung hilft jedoch nicht nur in Problemlagen. "Wir beraten Jugendliche auch auf Berufsorientierungsmessen, um Karrierewege und Perspektiven im Handwerk aufzuzeigen", erklärt Leonard Kopp, Ausbildungs- und Nachwuchsberater der Handwerkskammer Mannheim Rhein-Neckar-Odenwald.

Das Team bietet außerdem Betrieben, die zum ersten Mal ausbilden möchten, eine umfassende Erstberatung an. Denn wer in seinem Betrieb ausbildet, dem stellen sich eine ganze Menge Fragen. Und umgekehrt muss sich jemand, der von der Schulbank ins Berufsleben wechselt, auf völlig neue Herausforderungen einstellen. Rechtliche Rahmenbedingungen, Fördermöglichkeiten, Prüfungsanmeldungen und die wichtigsten Erwartungen an die Ausbildung werden im Rahmen der Erstberatung vermittelt. "Dadurch sichern die Beraterinnen und Berater die Qualität der Ausbildung im Handwerk", erläutert ZDH-Expertin Kielbassa-Schnepp.

Laut Ausbildungsberater Kopp ist für eine erfolgreiche Ausbildung, von der sowohl der Handwerksbetrieb als auch der Azubi profitieren, eine respektvolle Feedbackkultur entscheidend. Regelmäßige Rückmeldungen, etwa über das Berichtsheft, würden dabei helfen, den Ausbildungsstand zu dokumentieren und den Lernfortschritt transparent zu machen. "Eine Ausbildung kann für beide Seiten ein Lernprozess sein und auch den Betrieb mit neuen Ideen bereichern", betont Kopp. "Es macht Sinn, den Auszubildenden dabei in Abläufe zu integrieren, sodass er schon früh lernen kann, Verantwortung zu übernehmen, was wiederum dem Betrieb zugutekommt."

Kostenloses Angebot für Azubis und Ausbildungsbetriebe

Die Beratung der Handwerkskammern ist ein kostenloses Angebot, das jederzeit und auch mehrfach genutzt werden kann. "Wir begleiten Azubis und Betriebe durch die gesamten Ausbildungsjahre und bieten Unterstützung zu allen Themen, die die Ausbildung betreffen", so Ausbildungsberater Kopp. "Für beide Seiten gleichermaßen."

Das Aufgabenprofil der Ausbildungsberatung an den Handwerkskammern hat der Ausschuss Berufsbildung des Deutschen Handwerkskammertags (DHKT) verabschiedet. "Es bietet eine institutionenbezogene Übersicht der Tätigkeitsschwerpunkte der Handwerkskammern", erläutert ZDH-Bereichsleiterin Kielbassa-Schnepp. So entstehe Transparenz über die vielfältigen Beratungsangebote der Kammern und die Arbeit der Ausbildungsberaterinnen und -berater werde gestärkt.

Wie bedeutsam diese ist, hat nicht zuletzt der Konflikt in dem Elektrotechnik-Betrieb in der Nähe von Mannheim verdeutlicht, in dem seitens der Ausbildungsberatung der Handwerkskammer erfolgreich vermittelt werden konnte. Die Veränderung war dort schon kurz nach dem klärenden Gespräch zwischen dem Azubi und seinem Ausbilder und der Anpassung des Ausbildungsplans spürbar: Der Azubi fühlte sich motivierter – und der Ausbilder stellte fest, dass er schnell Fortschritte machte und echte Begeisterung für seinen Beruf entwickelt hatte. Und das ist natürlich das Wichtigste – gerade in Zeiten des Fachkräftemangels.